Die seltsamsten Übungen, die Physiotherapeuten tatsächlich verschreiben (und warum sie wirken)

19. August 2026

Einleitung: Warum das seltsamste Heimtrainingsprogramm oft am besten funktioniert

Ein Patient könnte ein Heimtrainingsprogramm hinterfragen, bei dem Luftballons, Spiegel, Rückwärtsgehen oder das Krabbeln über den Boden der Praxis zum Einsatz kommen. Die Übung mag seltsam wirken, da sich die sichtbare Bewegung vom klinischen Ziel unterscheidet.

Das Werfen eines Balls kann die Propriozeption der Schulter und die reflexive Stabilität trainieren. Atemübungen mit Widerstand können das Lungenvolumen vergrößern und den Druck regulieren. Spiegelübungen können dem Gehirn visuelle Reize liefern, die die Umgestaltung der Großhirnrinde unterstützen, während das Summen eine kontrollierte Ausatmung und die Aktivität der Atemmuskulatur fördern kann.

Physiotherapeuten verschreiben diese Übungen, da jede einzelne eine bestimmte sensorische, motorische oder atembezogene Anforderung stellt. Die folgenden Beispiele verdeutlichen, was die jeweilige ungewöhnliche Aufgabe trainiert und warum sie in einem sorgfältig abgestuften Programm ihren Platz finden kann.

Nach einer Brust- oder Bauchoperation in einen Strohhalm oder einen Luftballon blasen

Ein Strohhalm oder ein Luftballon kann neben einem Bett nach einer Operation wie ein fehl am Platz liegendes Partygeschenk wirken. Ärzte nutzen diese Hilfsmittel, um beim Ausatmen einen Widerstand zu erzeugen, der zu einem langsameren, kontrollierteren Atemrhythmus führt. Die Übung kann es zudem erleichtern, die Atemanstrengung zu beobachten und entsprechende Anweisungen zu geben.

In Kombination mit einer bewussten Einatmung kann das Ausatmen gegen Widerstand die Rekrutierung des Lungenvolumens nach einer Brust- oder Bauchoperation unterstützen. Das jeweilige Hilfsmittel und der Widerstand sollten den operativen Vorsichtsmaßnahmen, dem Atemstatus und der Fähigkeit des Patienten entsprechen, die Aufgabe ohne übermäßige Belastung auszuführen.

Einen Ball gegen eine Wand werfen und fangen zur Rehabilitation der Schulter

Ein Patient, der alleine gegen eine Wand Ball spielt, sieht vielleicht eher nach Pausenzeit als nach Rehabilitation aus. Jeder Rückprall verändert die Kraft und den Zeitpunkt der Belastung an der Schulter, was die Muskeln der Rotatorenmanschette und des Schulterblatts dazu veranlasst, schnelle, reflexartige Anpassungen vorzunehmen. Diese wiederholten Anpassungen trainieren die rhythmische Stabilisierung, die Propriozeption und die Ko-Kontraktion rund um das Gelenk.

Physiotherapeuten setzen Wandwürfe in der Regel erst zu einem späteren Zeitpunkt im Verlauf der Rehabilitation nach einer Instabilität oder einer Rotatorenmanschettenrekonstruktion ein, sobald die Gewebeheilung, der Bewegungsumfang und die Grundkraft eine schnellere Belastung zulassen. Anhand von Ballgröße, Wurfweite, Geschwindigkeit und Armhaltung kann der Therapeut den Schwierigkeitsgrad anpassen, ohne die Grundübung zu verändern.

Rückwärtslaufen auf einem Laufband

Wenn man auf einem Laufband rückwärts läuft, sieht es so aus, als hätte man die Anweisung zur Laufrichtung verpasst, während sich alle anderen in der Nähe vorwärts bewegen. Der Rückwärtsgang verändert die Gelenkwinkel und die Belastung der Muskeln und kann im Vergleich zum normalen Vorwärtsgehen zu einer Verlagerung der relativen Belastung hin zu den Kniestreckern führen.

Physiotherapeuten können das Rückwärtslaufen auf dem Laufband bei der Behandlung von Kniearthrose oder zur Gangumschulung einsetzen, wenn dieses veränderte Belastungsmuster den Befunden entspricht. Die ungewohnte Laufrichtung erfordert zudem eine bewusste Fußstellung und motorische Abfolge, was den Therapeuten eine kontrollierte Möglichkeit bietet, eine andere Gangstrategie zu üben.

Kaugummi oder Kieferübungen bei Kiefergelenksbeschwerden

Die Rehabilitation des Kiefers kann widersprüchlich erscheinen, wenn ein Physiotherapeut das Kauen einschränkt, aber wiederholte Kieferbewegungen verordnet. Der Unterschied liegt in der Dosierung und der Kontrolle. Die vom Therapeuten verordneten Übungen erfolgen mit einem festgelegten Bewegungsumfang, einer bestimmten Bewegungsrichtung, einem bestimmten Widerstand und einer bestimmten Wiederholungszahl, um den Kiefer zu entspannen und die Beweglichkeit zu verbessern. Physiotherapeutische Kieferübungen gelten als nichtinvasive Behandlungsoption bei Kiefergelenkserkrankungen.

Kaugummi bietet nicht denselben kontrollierten Reiz. Ständiges Kauen kann bei einem gereizten Kiefergelenk zu erhöhter Muskelermüdung, Gelenkbelastung, Schmerzen und Steifheit führen, weshalb Kaugummi in der Fachliteratur im Allgemeinen eher als möglicher Auslöser denn als Übung betrachtet wird. Ein Physiotherapeut kann kontrolliertes Öffnen, Dehnen oder Bewegungen gegen Widerstand verschreiben und den Patienten gleichzeitig anweisen, ungehemmtes, wiederholtes Kauen zu vermeiden.

Spiegeltherapie bei Phantomschmerzen

Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2021 ergab, dass die Spiegeltherapie im Vergleich zu Kontrollbedingungen Phantomschmerzen reduzierte, mit einer gepoolten standardisierten mittleren Differenz von -0,81. Der Nutzen blieb nach etwa drei Monaten und nach sechs Monaten signifikant, obwohl kleine Stichproben, weite Konfidenzintervalle und erhebliche Unterschiede zwischen den Studien die Sicherheit der Ergebnisse einschränkten (Neurology Advisor).

Während der Behandlung beobachtet der Patient die Bewegung des intakten Gliedmaßes im Spiegelbild, während der Spiegel den Stumpf verdeckt. Das Spiegelbild erzeugt ein visuelles Feedback, das das fehlende Gliedmaß in normaler Bewegung darstellt, was die Art und Weise verändern kann, wie das Gehirn Bewegungs- und Schmerzsignale interpretiert. In der Übersichtsarbeit schnitt die Spiegeltherapie deutlich besser ab als die mentale Visualisierung und lag auch knapp vor den Scheinbehandlungen mit abgedecktem Spiegel, obwohl dieser Vergleich auf weniger Studien beruhte. Physiotherapeuten sollten sie daher als eine durch Belege gestützte Option betrachten, deren Evidenzbasis sich noch weiterentwickelt, und nicht als feststehende Lösung.

Geruchstraining bei Anosmie infolge einer Gehirnerschütterung oder im Zusammenhang mit COVID-19

Das Verschreiben von Rosen-, Zitronen-, Nelken- und Eukalyptusdüften als „Schnüffel-Hausaufgabe“ klingt vielleicht eher nach Aromatherapie als nach Rehabilitation. Doch die Geruchs-Rehabilitationstherapie nutzt diese vier Geruchskategorien, um die Geruchsbahnen nach einem leichten Schädeltrauma oder einem anhaltenden postviralen Geruchsverlust – einschließlich des mit COVID-19 verbundenen Verlusts – zu stimulieren.

Im Rahmen der Standardtherapie wird der Patient gebeten, mindestens 12 Wochen lang ein- bis zweimal täglich 10 bis 20 Sekunden lang an jedem Geruch zu riechen. Bei jeder Exposition konzentriert sich der Patient auf den Geruch und ruft sich aktiv in Erinnerung, wie dieser riechen sollte, anstatt nur passiv daran zu riechen.

Wiederholte Exposition kann die Genesung durch die Regenerationsfähigkeit der Geruchsneuronen fördern. Das gezielte Abrufen von Erinnerungen trainiert zudem das Gehirn darin, eingehende Sinnesinformationen wieder mit gespeicherten Geruchserinnerungen zu verknüpfen, was erklärt, warum sowohl Wiederholung als auch Aufmerksamkeit Teil der Therapie sind.

Singen oder Summen zur Förderung der Atmung und des Vagustonus

Eine Lungenrehabilitationssitzung kann wie ein Karaoke-Aufwärmtraining klingen, wenn Patienten summen, Lippentriller ausführen und Töne lang halten. Beim Singen wird ein kurzer Einatmungsvorgang mit einer kontrollierten, langgezogenen Ausatmung kombiniert, wodurch das Zwerchfell und andere Atemmuskeln kontinuierlicher beansprucht werden als beim normalen Sprechen. Gesangsbasierte Lungenrehabilitationsprogramme verbinden in der Regel Stimmübungen mit Körperhaltung, Zwerchfellatmung und langsamer Ausatmung.

Eine 12-wöchige randomisierte kontrollierte Pilotstudie mit 40 Teilnehmern mit stabiler COPD ergab, dass das Gesangstraining zu größeren Verbesserungen führte als die Gesundheitsaufklärung allein. Die dynamische Zwerchfellbeweglichkeit stieg um 0,7 cm gegenüber 0,1 cm. Die in sechs Minuten zurückgelegte Gehstrecke verbesserte sich um 52 Meter gegenüber 5 Metern, und auch die Werte zur Atemwegs-Lebensqualität verbesserten sich.

Kliniker mögen das Summen zwar im Zusammenhang mit der autonomen Regulation erörtern, doch wurde in dieser Studie der Vagustonus nicht gemessen. Die dafür angeführte Begründung konzentriert sich auf die Aktivierung der Atemmuskulatur, die Ausatmungskontrolle und die Mechanik des Zwerchfells.

Kriechmuster zur Stärkung der Rumpf- und Schulterstabilität bei Erwachsenen

Bei „Bear Crawls“ sieht eine Therapiesitzung manchmal so aus, als würde eine Gruppe Erwachsener Kleinkinder nachahmen. In der Vierfüßlerstellung lastet das Körpergewicht auf den Händen, und Rumpf sowie Schultergürtel müssen die Bewegung kontrollieren, während die Gliedmaßen die Stützposition wechseln.

Bei kontralateralen Bewegungsmustern wird ein Arm mit dem gegenüberliegenden Bein kombiniert, was den Rumpf dazu herausfordert, einer Rotation entgegenzuwirken, und die Schulterblattmuskulatur dazu, die Kontrolle über die Schulter aufrechtzuerhalten. Durch das Hinzufügen von Vorwärts-, Rückwärts- oder Seitwärtsbewegungen wird die Belastung erhöht, ohne dass eine der beiden Regionen isoliert wird. Das Krabbeln bietet Physiotherapeuten daher eine belastende Alternative in geschlossener Kette zu separaten Rumpf- und Schulterübungen, wobei Geschwindigkeit und Bewegungsumfang an die Leistungsfähigkeit des Patienten angepasst werden können.

Wo Ärzte solche Programme erstellen und zuweisen

Auch eine ungewöhnliche Übung erfordert klare Anweisungen und eine praktische Möglichkeit, die Umsetzung zu überwachen. Ärzte können die Bibliothek mit über 18.000 Übungen auf Physitracksowie den intelligenten Such- und Programmgenerator nutzen, um ein Heimtrainingsprogramm zusammenzustellen, es zuzuweisen und die Vorgaben im Verlauf der Rehabilitation anzupassen.

Kevin Kaminyar
Leiter Wachstum weltweit